In seinem 1889 erschienenen Hauptwerk Zeit und Freiheit holt der junge Henri Bergson zu einem Rundumschlag gegen Positivismus, Rationalismus und vor allem gegen Kants mechanistischen Zeitbegriff aus. Was wir als Zeit erleben, so die provokante These des französischen Philosophen, ist tatsächlich ein Konstrukt unseres Bewusstseins. Unser zur Abstraktion fähiger Verstand ordnet Gefühle und Empfindungen, als handelte es sich dabei um Gegenstände im Raum. In Wirklichkeit aber fließen Bewusstseinsströme ineinander und färben psychische Zustände auf unser gesamtes Innenleben ab. Dieses ständige Werden und Vergehen ist nach Bergson die wahre Zeit, die sich weder messen noch mit dem Verstand analysieren, sondern nur intuitiv erfassen lässt. Unter der Kruste unseres oberflächlichen Ichs lagert ein tieferes Ich, das es zu entdecken gilt. Ohne ins Esoterische zu verfallen, weist Bergson auf die Grenzen unseres Intellekts hin und fordert, dass wir uns auf das innere Erleben konzentrieren, statt wie Automaten zu funktionieren. Sein Werk übte großen Einfluss auf Philosophie und Literatur der Moderne aus.
